Der Zusammenhang zwischen Legitimität und Deliberation

 

„The multitude is foolish, for the moment, when they act without deliberation.” Edmund Burke, 1796

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Was Edmund Burke vor dem Hintergrund des britischen Wahlrechts im 19. Jahrhundert beschreibt, begegnet uns heute  im Kontext von komplexen Beteiligungsverfahren in Unternehmen und Organisationen. Es gehört zum Standardrepertoire von Beratern: Diskurs und Austausch sind zentral für die Nachhaltigkeit und Legitimität von Prozessen und Entscheidungen.

Also gibt es einen Zusammenhang zwischen Legitimität und Deliberation?

In seiner historischen Bedeutung verweist der Begriff der Deliberation (deliberare= abwägen, überlegen, beratschlagen) auf die im Römischen Recht eingeräumte Deliberationsfrist zur Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung einer Erbschaft. Den Erben wird eine Bedenkzeit eingeräumt, in der sie über den Erbantritt beraten und außergerichtlichen Sachverstand zu ihrer Beratung hinzuziehen können, um die sachlichen Bedingungen für eine Entscheidung zu klären.

Deliberation umschreibt also zwei verschiedene, aber dennoch zusammenhängende Tätigkeiten: individuelles Abwägen und Bedenken ebenso wie gemeinsame Beratschlagung und Diskussion. Deliberative Modelle  setzen somit ausdrücklich auf den Aspekt der Urteilskraft und Entscheidungsfindung der Beteiligten, es entsteht eine prozessorientierte Legitimität: legitimiert werden nicht nur Ergebnisse, sondern auch der Modus ihres Zustandekommens.

Immanuel Kant hat den römischen Gedanken aufgegriffen, indem er die öffentliche Beratung als demokratischen Prozess beschreibt. Am Ende dieses Prozesses steht ein Ergebnis, auf das sich alle einigen können, ein Ergebnis, das Ausdruck der öffentlichen Vernunft ist. Wichtig sind Kant Partizipation, Transparenz, Mittelbarkeit und Gemeinsamkeit.

Folgt man also Kant, so lösen deliberative Verfahren Legitimitätsdilemmata auf. Auf das moderne Change Management übertragen bedeutet das: deliberative Prozesse sind überall dort einzusetzen, wo Legitimitätsdefizite bestehen, dort wo herkömmliche Rezepte verbraucht sind und ein starkes Misstrauen gegenüber Top-Down Entscheidungen und den Entscheidern selbst besteht. 

 


 

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